150 Jahre Lackfabrik

von MARTIN SCHRAMME
letzte Änderung: 12.03.2015

150 Jahre Lacke- und Farbenproduktion in Halle - das war ein Grund, stolz zu sein und das auch zu sagen, fand Jochen Zill im Sommer 2012. Als Geschäftsführer des Farbenherstellers Novatic sitzt er heute in jenem Gebäude, wo Carl Wilhelm Pabst einmal die am 22. Mai 1862 gegründete erste hallesche Farbfabrikation betrieb.

Bis weit in die DDR hinein lief die Firma unter seinem Namen. So feierte man den 100. Geburtstag 1962 als „C. W. Pabst KG“. Zill ist stolzer Besitzer einer Festurkunde aus jenem Jubiläumsjahr, als die Herstellung chemischtechnischer Erzeugnisse bereits unter staatlicher Beteiligung lief. Die Erbin, die damals in einem herrschaftlichen Haus in der Kurt-Eisner-Straße residierte, entging am Ende jedoch auch nicht der Kombinatsbildungswelle. So wurde das Unternehmen schließlich Betriebsteil des VEB Chemische und Lackfabrik Döllnitz, der wiederum dem Kombinat Chemie und Plastverarbeitung Halle zugeschlagen wurde, zu dem zum Beispiel das Waschmittelwerk in Wittenberg gehörte.

Groß feierte die Firma C. W. Pabst (CWP) auch 1937. Zill hat einen Aktenordner Glückwunschschreiben namhafter Unternehmen des Deutschen Reiches von Bayer bis zur Kefersteinschen Papierhandlung und ein Fotoalbum vom 75. Jubiläum. Die Bilder und Kondolenzen zeigen: Es wurde standesgemäß und offenbar im Einvernehmen mit jener Zeit gefeiert. Die Hakenkreuzfahne wehte auf dem Dach, noble Karossen hielten vor dem Fabrikgelände und über einem Meer aus Blumen hingen die Bilder der Firmenväter rechts und links vom „Führer“. Farben, Lacke sowie Pflanzenschutz-und Schädlingsbekämpfungsmittel wurden zu der Zeit produziert, direkt neben der halleschen Malzfabrik. Die Fässer des Mineralöllagers auf dem Hof an der Privatstraße Zimmermann 2 (heute Julius-Ebeling-Straße) waren fein säuberlich gestapelt. CWP war damals ein Begriff im Deutschen Reich, wie die Hausmarke „Rennforth Autooel“.

Dass in Halle seit 150 Jahren Lacke und Farben produziert werden, findet Zill, ist besonders erwähnenswert. Dabei war er selbst zunächst nicht mit der Farbindustrie „verheiratet“. Kfz-Schlosser wollte er werden, denn sein Opa arbeitete am Güterbahnhof Halle beim dortigen Kraftverkehr. Der Großvater riet ab und nach einem Probetag vor Ort gab Zill Junior sein Ansinnen auf. Ein Freund brachte ihn auf die Idee, sich beim Datenverabeitungszentrum (DVZ) in Halle-Neustadt zu bewerben. So wurde er Mitte der 1980er Jahre Kaufmann für Datenverarbeitung. Er brachte es bis zum zweiten „Bediener“, wie er erzählt, und arbeitete am Großrechner R55, der neuesten ESER-Technik aus dem DDR-Computerkombinat Robotron.

Doch der Sozialabbau nach der Wende 1990 traf auch Zill. Er orientierte sich neu und modernisierte für die Telekom die Entstörungsstelle in Halle. In der Otto-Stomps-Straße arbeitete er als Systemadministrator und übertrug das Karteikartensystem bis 1993 ins digitale Zeitalter. Dann wagte er das erste Mal den Schritt in die Selbstständigkeit und handelte bis 2008 mit Kommunikationstechnik.

Den Weg in die Farbe ist vor ihm sein Vater gegangen. Der Diplomchemiker wechselte 1988 vom Chemiewerk Buna in Schkopau zum VEB Kombinat Lacke und Farben (Lacufa) nach Dresden, wo er Betriebsdirektor wurde. Das Kombinat mit seinen fünf Betriebsteilen war nach der Wende eines der ersten, die von der Treuhand privatisiert wurden. Mit Hilfe eines Investors aus dem Altbundesgebiet kam Zill Senior ins Gespräch mit den Privatisierern der Treuhandgesellschaft. Die Dresdner Lackfabrik Feidal entstand. Dort stieg Jahre später erst Bruder Alexander, dann Jochen Zill selbst mit ein. Aus dem Geschäftspartnerbetrieb wurde ein Familienbetrieb, der seither in Dresden und Halle unter dem Kunstname Novatic firmiert.

Als Zill 2007 die Lackfabrik in Halle übernahm, schien die Zeit dort stehengeblieben zu sein. „Es gab ein Telefon und ein Faxgerät. Gearbeitet wurde noch mit Karteikarten“, berichtet der heutige Herr des Hauses. Die meisten Kunden saßen in Russland, doch Stammkunden kamen auch über den Hof, um sich ihre Farbtöpfe persönlich abzuholen. Die antiquierte Betriebsführung hatte auch eine gute Seite: Bemerkenswerte Dokumente aus der Firmen- und Familiengeschichte sind gut erhalten geblieben.

Heute, fünf Jahre später, ist der Standort nicht wiederzuerkennen. Das Hauptgebäude, vor wenigen Jahren noch ein graugelber Klinkerbau, leuchtet jetzt in frischen Farben. Insgesamt 1,5 Millionen Euro sind bisher in die Sanierung geflossen, bilanziert Zill stolz das Geschaffte. Finanzielle Unterstützung sei dabei vom Land Sachsen-Anhalt und der Europäischen Union gekommen. Das Hauptgebäude wurde hergerichtet, der Rest abgerissen und eine neue Fabrikhalle gebaut.

Die Novatic-Gruppe mit Hauptsitz in Dresden hat 120 Mitarbeiter, 17 davon arbeiten in Halle. Die Produktpalette ist breit. Hergestellt und verkauft werden Farben für Baustellen, Korrosionsschutz, Windkraftanlagen, Schienenfahrzeuge, Container und Schwimmbecken, wo die Hallenser ganz vorne mitmischen. Insgesamt werden aktuell 800 Tonnen Farbe im Jahr produziert, sagt Zill. Im nächsten Jahr sollen es 1000 Tonnen sein, langfristig 1500 Tonnen. Beliefert wird vor allem der Fachhandel, doch ab Juli soll auch der Werksverkauf auf soliden Füßen stehen. Bis heute ging mancher Kleinkunde aus guter alter Gewohnheit noch über den Werkshof, um sich einzudecken. Nun wurde dafür ein eigener Raum modern eingerichtet.