Vom Gummiblatt zum Weltniveau

letzte Aktualisierung: 05.01.2021

HALLE. Es ist der 10. Juli 2014, vormittags. Leute bleiben stehen und staunen, was da vor Halles Ratshof liegt: eine längs und quer gebogene Stahlbeton-Halbschale. Eingeweihte erkennen, dass es um 50 Jahre Halle-Neustadt geht und die Erfindung von Bauingenieur Herbert Müller aus Halle. 1995 ist der DDR-Nationalpreisträger verstorben. Heute ist sein Sohn Knut Mueller vor Ort.

Herbert Müller (1920-1995) war Bauingenieur, Konstrukteur und Pilot. In Halle geboren arbeitete er in den 50er/60er Jahren an der Fragestellung, wie bei möglichst geringem Einsatz von Stahl und Beton, die in der DDR knapp waren, am Bau möglichst große Spannweiten möglich sind. „Ich kann mich erinnern, wie er nächtelang am Zeichenbrett saß“, sagte Knut Mueller. Dabei zerschnippelte er auch Blätter eines Gummibaumes, weil ihn deren Stabilität faszinierte und er hinter ihr Geheimnis kommen wollte. Müller entdeckte die besondere Wölbung der Blätter im Längs- und Querschnitt und übertrug sie in eine Spannbetonform, die hyperbolische Paraboloidschale. Fachleute sprachen von der HP-Schale und der Erfinder hieß schon bald der „Schalen-Müller“. Die Öffentlichkeit sah Müllers Erfindung erstmals 1964 auf dem Marktplatz neben dem Roten Turm. Bauleute errichteten dort einen Versuchsbau, den die Leute wegen der V-Form. „Schmetterling“ nannten. Für die Herstellung der HP-Schalen entstanden in Merseburg und Luckenwalde spezielle Plattenwerke. Um die zwölf, 15, 18 oder gar 24 Meter langen Schalen zu transportieren, wurden spezielle Fahrzeuge entwickelt. Der erste Großbau war 1967 die große Turnhalle auf dem Gelände des Bildungszentrums in Halle-Neustadt, so Mueller. „Die Halle steht heute unter Denkmalschutz.“ Später folgten die Wohngebietsgaststätte „Treff“ und die Kaufhalle „Basar“.

Sporthallen, Kaufhallen, Kindergärten, Funktionsgebäude, Turnhallen, Betriebsstätten, Brücken – für zahlreiche Bauwerke kamen HP-Schalen zum Einsatz. In Halle fallen besonders der so genannte Delta-Kindergarten und das Raumflug-Planetarium ins Auge. Alte Neustädter erinnern sich sicher auch an den Rundbau der Neustadt-Information im dritten Wohnkomplex.

„Halle-Neustadt war der Sitz der Ostmoderne“, so Mueller. Er nennt seinen Vater als Ideengeber, Heiner Hinrichs als Bauleiter und Horst Sindermann als den, der das alles ermöglicht hat. „Die wollten Weltniveau und das meinten sie auch so.“ Die Erfindung aus Halle war nicht nur in der DDR gefragt, wo das Panoramamuseum in Bad Frankenhaus eines der bekanntesten Halbschalen-Bauwerke wurde, sondern auch im „Westen“. Der westdeutsche Baukonzern Hochtief übernahm das HP-System. Wegen ihrer besonderen Eigenschaften konnten die HP-Schalen mit mobilen Kränen montiert werden. Daher entfiel der aufwändige Aufbau eines Turmdrehkranes und dazugehöriger Gleise. Müllers Patent zahlte sich aus. Auch für ihn. Die Lizenzeinnahmen wuchsen, bis die Partei eingriff, weil ihr die Kosten zu hoch wurden und dem Erfinder als Kompensation den Nationalpreis verlieh.

Vier Tonnen wiegt die zwölf Meter lange HP-Schale, die seit Donnerstag auf Halles Marktplatz vor dem Ratshof liegt als Wegweiser für die Ausstellung im Stadtmuseum. Mueller entdeckte sechs Stück davon auf dem Grundstück einer Elektrofirma in Dölau. Ingo Kautz, der Halle-Neustadt von 1964 bis 1990 baulich begleitete, anfangs als Maurer, zuletzt als Brigadier mit Ingenieursdiplom, kümmerte sich um die Angelegenheit. „Die Schalen“, berichtet er, „liegen seit den 70er Jahren dort.“ Das kleine Privatunternehmen habe sie für den Bau einer neuen Halle verwenden wollen, aber das sei ihm verwehrt worden. Später seien die Betonelemente einfach liegengeblieben, weil ihre Entsorgung zu teuer war. Nun sollen sie, so die Idee, für ein Denkmal der Ostmoderne im Bildungszentrum verbaut werden, vielleicht genau dort, wo einst der Panzerzug stand.

Kautz erinnert sich an Müller: „Er hatte den Ruf, den statischen Nachweis für ein Gebäude auf einer Zigarettenschachtel unterzubringen.“ Tatsächlich war die Zigarette sein ständiger Begleiter. „Herbert Müller war mir nicht nur ein hervorragender Kollege, sondern auch ein väterlicher Freund.“ Nach der Wende habe er sich sehr aufgeregt, als die aus Halbschalen bestehende Decke der Schwimmhalle Neustadt ersetzt wurde. Wenn Müller wüsste, dass inzwischen der Abriss des Raumflug-Planetariums als Option gilt, würde er sich im Grabe umdrehen.